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Diabetes – das messbare Risiko
Dr. Thomas Schwingenschlögl im Gespräch in Das Grüne Haus, # 9.11

Redaktion: Ist Diabetes eine häufige Erkrankung?

Dr. Schwingenschlögl: Weltweit leiden rund 150 Millionen Menschen an Diabetes, alleine in Österreich über 350000. Die Anzahl der Betroffenen hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, wobei auch immer mehr jüngere Menschen betroffen sind.
Die Verbreitung der Zuckerkrankheit hat bereits ein solches Ausmaß erreicht, dass man von einer globalen Epidemie sprechen kann.
Bestehen erhöhte Blutzuckerwerte über längere Zeit, kommt es zu schwerwiegenden Veränderungen an unseren Blutgefäßen. Deshalb sind die Früherkennung und Prävention als auch das rechtzeitige Einleiten von Therapiemaßnahmen wichtige Schritte zum Erhalten unserer Gesundheit. 

Redaktion: Was versteht man genau unter Diabetes?

Dr. Schwingenschlögl: Die Zuckerkrankheit beim Erwachsenen ist eine chronische Stoffwechselstörung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass der Diabetiker seinen Blutzucker nicht im normalen Bereich halten kann. 
Kohlenhydrate aus der Nahrung, welche reichlich in Getreide und Getreideprodukten, Teigwaren, Kartoffeln, Reis, Obst und Süßspeisen enthalten sind, werden im Darm zu Zucker (Traubenzucker = Glucose) abgebaut, dieser in das Blut aufgenommen und zu den Körperzellen gebracht. Traubenzucker ist der wesentliche Energieträger für unsere Zellen, wobei Muskel- und Fettzellen den meisten Zucker aufnehmen. 
Die Höhe des Blutzuckerspiegels wird unter anderem durch das Hormon Insulin reguliert, welches von der Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Die Hauptwirkung von Insulin liegt darin, dass es dem Zucker den Weg in die Zellen des Körpers eröffnet, ähnlich wie der Schlüssel das Schloss einer Türe öffnet. Versagt dieser Mechanismus, kommt es zu hohen Blutzuckerspiegeln. 

Redaktion: Sind alle Diabetiker gleich?

Dr. Schwingenschlögl: Nein. Es können zwei gänzlich verschiedene Diabetestypen unterschieden werden:

• Der Typ - I - Diabetes weist von Anfang an einen echten Insulinmangel auf. Diese Form zeigt sich oft bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen und ist auf eine Entzündung in der Bauchspeicheldrüse mit Zerstörung der insulinbildenden Beta-Zellen zurückzuführen. Von dieser Form von Diabetes ist weltweit aber nur ein geringer Prozentsatz der Zuckerkranken betroffen.
• Der Typ - II - Diabetes ist durch einen relativen Insulinmangel und vor allem durch eine Beeinträchtigung der Insulinwirkung an den Zellen (Insulinresistenz) gekennzeichnet. Typ - II - Diabetes zeigt sich meist erst ab dem vierzigsten Lebensjahr und ist häufig erblich bedingt. Zum Ausbruch der Erkrankung führen aber fast immer eine falsche Ernährung und Übergewicht. Dadurch wird die Wirkung des Insulins auf Muskelzellen und Fettgewebe blockiert. Der Blutzucker kann von den Zellen nicht mehr aufgenommen werden und steigt an. 
 
Redaktion: Spielt Übergewicht bei Zuckerkranken eine große Rolle?

Dr. Schwingenschlögl: Ja. Viele Studien haben gezeigt, dass bis zu 80% aller Typ-II Diabetiker übergewichtig sind. Bewegungsmangel, Überernährung und das Alter korrelieren direkt mit der Insulinresistenz, die nach Jahren zur Manifestation von Diabetes mellitus führt. Man weiß aber gleichzeitig, dass eine Veränderung der Lebensgewohnheiten mit Gewichtsreduktion und regelmäßiger körperlicher Aktivität den Ausbruch der Erkrankung oft verhindern kann. 

Redaktion: Hat jeder Mensch Zucker im Blut?

 Dr. Schwingenschlögl: Ja. Alle Menschen haben Zucker im Blut. Beim Gesunden liegt der Blutzucker nüchtern zwischen 60 und 110 mg/dl. Zwei Stunden nach einer Mahlzeit sollte der Blutzucker 140 mg/dl nicht übersteigen. Beim Diabetiker liegen diese Werte ohne Behandlung meist wesentlich höher. Blutzuckerspiegel ab 126 mg/dl nüchtern gelten als diagnostisch.
 Bei Nüchtern-BZ-Werten zwischen 110 und 126 mg/dl sollte ein Zuckerbelastungstest durchgeführt werden. Dabei erhält der Betroffene eine standardisierte Menge einer zuckerhaltigen Lösung. Durch wiederholte Messungen nach dem Trinken dieser Lösung wird festgestellt, ob der Körper den zugeführten Zucker genügend rasch neutralisieren kann.
 Doch viele Österreicher kennen ihre Blutzuckerwerte nicht. Lassen Sie ab dem 35.Lebensjahr einmal jährlich Ihren Blutzucker messen, bei familiärer Belastung schon früher.
 
Redaktion: Kann man Diabetes selbst frühzeitig erkennen?

 Dr. Schwingenschlögl: Das besonders Tückische an der Zuckerkrankheit liegt daran, dass man den erhöhten Blutzucker selbst lange Zeit nicht bemerkt. Zum Zeitpunkt der Diagnosenstellung leidet aber bereits jeder zweite Patient an Folgeschäden an den Blutgefäßen. Deswegen sollte man bei folgenden Symptomen aufmerksam werden und einen Arzt konsultieren: 
• Verstärktes Durstgefühl
• Vermehrte Harnausscheidung
• Müdigkeit und Kraftlosigkeit
• Hautjucken
• Neigung zu Infektionen
• Schlecht heilende Wunden
• Zahnfleischentzündungen
• Nächtliche Krämpfe in den Beinen
 
 Zur Diagnose kann auch der Harnzucker herangezogen werden, welcher beim Gesunden stets negativ sein muss. 
 Blut- und Harnzucker sind einfache Messmethoden zur Selbstkontrolle bei Diabetes. Daneben gibt es einen Wert, der die durchschnittliche Zuckerlage in den letzten vier Wochen widerspiegelt, den HbA1c Wert. Dieser Langzeitwert sollte weniger als 6,1% sein.
 
 Redaktion: Warum ist Diabetes so gefährlich?

 Dr. Schwingenschlögl: Hohe Blutzuckerwerte machen jahrelang oft keine Beschwerden. Die meisten Diabetiker wähnen sich daher irrtümlicherweise gesund. Wären da nicht die fatalen Folgeschäden, die ein erhöhter Blutzucker verursacht: Durchblutungsstörungen an den Beinen, Niere und Auge mit der Gefahr von Nierenversagen, Erblindung und Amputation von Gliedmaßen. Aber auch schmerzhafte Nervenstörungen an den Beinen, Herzrhythmusstörungen, Schlaganfälle, Herzinfarkte, Verdauungsprobleme, Impotenz und ungewollter Harnverlust sind Begleiter des Diabetes, wenn nicht gut behandelt wird.
 
 Redaktion: Was kann man gegen erhöhte Blutzuckerspiegel tun?

 Dr. Schwingenschlögl: Beim jugendlichen Typ-I Diabetiker besteht von Anfang an ein absoluter Insulinmangel. Dieser Patient muss mehrmals täglich Insulin spritzen. Die Zufuhr von Zucker wird in Form von Broteinheiten streng gerechnet und geregelt.
 
 Beim meist übergewichtigen Typ-II Diabetiker liegt aber anfänglich meist nur eine Blockierung des noch genügend vorhandenen Insulins vor. Durch Gewichtsreduktion, zuckerfreie Kost und Bewegung lässt sich diese Blockierung in vielen Fällen wieder aufheben. Deshalb nimmt die Änderung der Lebensgewohnheiten einen zentralen Stellenwert in der Diabetestherapie ein:
 
• Zucker, zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke sowie Honig absolut meiden
• Süßen mit Süßstoffen: diese sind in der üblichen Dosierung nicht gesundheitsschädlich und enthalten als weiteren Vorteil keine Kalorien
• Mahlzeiten in mehrere kleine Portionen (5-6) über den Tag verteilen 
• Körpergewicht normalisieren: hierzu muss die Energieaufnahme und Kalorienzufuhr reduziert werden. Am besten geschieht dies durch eine Einschränkung des Fettanteils bei Lebensmitteln, da Fett weitaus die meisten Kalorien enthält. Anstelle von fetten Speisen sollten vermehrt Salate, Gemüse, Obst, Getreideprodukte, Kartoffeln, Reis, fettarme Milchprodukte, Fisch sowie magere Fleisch- und Wurstwaren zugeführt werden
• Keinen Alkohol! Hat viele Kalorien und bringt den Blutzucker durcheinander
• Regelmäßige Bewegung und körperliche Aktivität sind unerlässlich. Ausdauersport wie Laufen, Wandern, Radfahren oder Schwimmen ist besonders geeignet
• Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Diabetiker sollten täglich mindestens 1,5 bis 2 Liter     Wasser trinken

Erst wenn durch alle diese diätetischen Maßnahmen der Blutzucker nicht in den normalen Bereich gesenkt werden kann, ist eine medikamentöse Therapie angezeigt. Hierfür steht heutzutage eine große Auswahl von Medikamenten zur Verfügung. 

Redaktion: Sind regelmäßige Kontrollen notwendig?

Dr. Schwingenschlögl: Unbedingt! Nur durch eine genaue Aufzeichnung von Blutzucker- und Harnzuckermessungen, die der Patient zur Selbstkontrolle leicht zu Hause durchführen kann, erhält der Arzt einen brauchbaren Überblick über die aktuelle Stoffwechselsituation. Alle drei Monate sollte routinemäßig der HbA1c-Wert getestet werden.
Weiters muss in regelmäßigen Abständen auch auf das Vorliegen von Folgeerkrankungen oder das gleichzeitige Bestehen von anderen Risikofaktoren für Herz und Kreislauf untersucht werden: 
• Ruhe-EKG und Belastungs-EKG
• Harnuntersuchung auf Eiweiß 
• Untersuchung der Fußpulse mittels Dopplersonographie
• Regelmäßige Blutdruckmessungen
• Blutanalysen mit Cholesterin, Triglyceriden und Nierenwerten
• Augenärztliche Begutachtungen

Doch eigentlich sollte es gar nicht so weit kommen. Durch eine bewusste Lebensweise mit richtiger Ernährung, Bewegung und Sport können Sie den Ausbruch der Erkrankung und damit das Auftreten von Folgeschäden erfolgreich verhindern.

Dr. Thomas Schwingenschlögl, Reisenbauerring 5/1/5, A-2351 Wiener Neudorf, Tel: 02236/865910; www.dr-schwingenschloegl.at




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