Wieso sterben in Deutschland noch immer jedes Jahr 17.000 Frauen an Brustkrebs? Gehen zu wenige Frauen zur Vorsorgeuntersuchung?
Professor Dr. Elmar Stickeler: Die Vorsorge ist in Deutschland sicherlich ein Thema, das verbesserungswürdig ist. Deshalb hat man begonnen, Mammographie-Screenings einzuführen. Das bedeutet, dass Frauen vom 50. bis zum 69. Lebensjahr regelmäßig alle zwei Jahre zentral angeschrieben und darauf hingewiesen werden, dass sie kostenlos ein Mammographie-Screening machen lassen können. Aus anderen Ländern wissen wir, dass man für diese Gruppe von Frauen das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 30 Prozent verringern kann.
Welche Risikofaktoren begünstigen die Entstehung von Brustkrebs?
Prof. Dr. Stickeler: Es gibt einige Risikofaktoren, beispielsweise den vererbbaren Brustkrebs. Dieser betrifft allerdings nur fünf bis sieben Prozent der Frauen, die an Brustkrebs erkranken. Für diese Frauen werden spezielle Vorsorgeprogramme angeboten. Andere Risikofaktoren sind Übergewicht und übermäßiger Alkoholkonsum. Das sind natürlich beides Faktoren, gegen die man aktiv etwas tun kann. Sport und Bewegung sind Faktoren, die das Risiko senken können. Was viele nicht wissen: auch das Stillen kann vorbeugend wirken.
Ab welchem Alter sollten Frauen zur Vorsorgeuntersuchung gehen?
Prof. Dr. Stickeler: Wir raten Frauen ab Mitte zwanzig, mit der Vorsorge zu beginnen. Vorsorge bedeutet hier, dass man eine Brustuntersuchung beim Arzt machen lässt. Zusätzlich empfehlen wir, dass die Frauen regelmäßig ihre Brüste selbst untersuchen. Dies sollte zu einem speziellen Zeitpunkt geschehen, nämlich nach Abschluss der Regelblutung. Dann ist die Brust relativ weich. Diese Selbstabtastung sollte monatlich durchgeführt werden. Die Selbstuntersuchung ersetzt aber auf keinen Fall die regelmäßige Vorsorgeuntersuchung beim Arzt.
Es wird immer wieder diskutiert, ob es für Frauen nicht schlicht und ergreifend einfach nur belastend ist, schon frühzeitig die Diagnose Brustkrebs zu erhalten. Schließlich verlängere die Diagnose nur die Zeitspanne, in der die Frau als Krebspatientin lebt.
Prof. Dr. Stickeler: Je früher eine Brustkrebserkrankung erkannt wird, desto höher sind die Heilungschancen. Man kann keineswegs behaupten, dass es einfach zu einer Vorverlegung der Brustkrebsdiagnose kommt und damit zu einer längeren Phase der psychischen Belastung. Wir hoffen, mit den Vorsorgeuntersuchungen auch Vorstufen des Brustkrebses zu erkennen. Diese haben dann noch nicht gestreut und man kann sie meist leicht operativ entfernen.
Folgt der Diagnose Brustkrebs auch immer die Entfernung der Brust?
Prof. Dr. Stickeler: Nein. Wenn man alle Brustkrebsfälle in Deutschland zusammen nimmt, werden 50 Prozent der betroffenen Frauen brusterhaltend operiert. Und in frühen Stadien sogar bis zu 80 Prozent. Wir sind hier in Freiburg ein zertifiziertes Brustzentrum. Wir weisen regelmäßig nach, dass wir nach den aktuellen Standards behandeln und dazu gehört auch, möglichst brusterhaltend zu operieren.
Welche Möglichkeiten des Brustaufbaues gibt es heute?
Prof. Dr. Stickeler: Es gibt die Möglichkeit, die Brust mit Eigengewebe wieder aufzubauen. Hier gibt es verschiedene Verfahren, wie beispielsweise die Rekonstruktion mit einem sogenannten Tram-Lappen. Bei dieser Methode wird das Unterbauchgewebe zusammen mit einem Bauchmuskelteil zur Brustregion verlagert. Man kann aber auch mit Prothesen arbeiten. Für jede Patientin planen wir heute ganz individuell ihren Brustaufbau.
Die Schauspielerin Christina Applegate hat voreiniger Zeit Schlagzeilen gemacht, weil sie sich präventiv beide Brüste hat entfernen lassen. Bei ihr war eine Genmutation des Brustkrebsgens BRCA festgestellt worden. Ist das übertriebene Vorsicht, oder medizinisch zu rechtfertigen?
Prof. Dr. Stickeler: Das ist durchaus medizinisch zu rechtfertigen. Die Frauen, bei denen eine BRCAMutation nachgewiesen werden kann, haben über ihre Lebenszeit ein Risiko zwischen 50 und 80 Prozent, an Brustkrebs zu erkranken. In solchen Fällen gibt es verschiedene Präventionsmöglichkeiten. Die beidseitige, radikale Brustentfernung ist dabei sicherlich der maximale Schritt, aber mit ihm ist natürlich das Risiko auch maximal reduziert. Daher ist dies eine Möglichkeit, die wir den Frauen anbieten. Natürlich nur nach einer ausführlichen Aufklärung und Betreuung.